Dieses Wochenende hat uns Michaela Genthner eingeladen, im Haus Lutzenberg ein Pilzseminar zu gestalten. Mit der von Michael Joest entwickelten WebApp „Pilzwetter“ stellen wir fest, dass die Bodenfeuchte auch hier relativ gering ist. Am Samstag starten wir gleich zu Beginn vom Seminarhaus aus in den Wald. Da für den ganzen Tag Regen angesagt ist, erweist sich das als gute Entscheidung: Wir können noch zwei schöne Sammelstunden verbringen und dabei viele tolle Funde machen.



Gleich zu Beginn treffen wir auf einen verrottenden Baumstamm, auf dem Hallimasch und Geflecktblättrige Flämmlinge wachsen. Das zeigt sehr schön, wie viele verschiedene Arten und wie viel Zeit es braucht, bis aus Holz wieder Humus wird. Der Abbau von Holz ist eine besondere Fähigkeit der Pilze, denn sie können Bestandteile des Holzes (Lignin) zersetzen, die anderen Lebewesen nicht zugänglich sind – es sei denn, sie haben Pilze im Darm. Das durch das Wirken der Pilze weiche Holz lässt sich wunderbar in „Weißfäulebällchen“ verwandeln.



Hallimasch finden wir im Laufe des Tages noch an vielen weiteren Stellen. So können wir uns mit seiner Wandlungsfähigkeit vertraut machen und die verschiedenen Altersstadien kennenlernen. Dabei sprechen wir auch über seine Giftigkeit im rohen Zustand und wie wichtig es ist, ihn ausreichend durchzugaren. Von den beliebten Speisepilzen mit Schwamm finden wir an diesem Tag nur Maronen-Röhrlinge. Sie leben in einer Lebensgemeinschaft, der sogenannten Mykorrhiza, mit Nadelbäumen. Einsteiger, die sich zunächst auf Röhrlinge mit braunem Hut und gelbem Schwamm ohne rote Farben konzentrieren, sammeln weder giftige noch ungenießbare Arten. Wichtig ist natürlich, nur frische und einwandfreie Fruchtkörper zu verzehren. Generell sollten Pilze ähnlich sorgfältig wie Fleisch und Fisch behandelt werden, da sie leicht verderben.





Eine besondere Entdeckung ist die Lohblüte, auch Hexenbutter genannt. Sie gehört zu den Schleimpilzen und damit in ein ganz eigenes Reich. Dazu empfehlen wir den Film von Karl-Heinz Baumann. Er ist zwar schon älter, aber dank seiner faszinierenden Zeitrafferaufnahmen nach wie vor sehenswert. Unsere Artenliste mit einigen Fotos gibt es bei iNaturalist zu entdecken.





Am Nachmittag sortieren wir unsere umfangreichen Funde und schauen uns einige Arten genauer an. Bei Hallimasch und Champignons beschäftigen wir uns auch mit der Frage, wann ein Fruchtkörper noch für den Verzehr geeignet und wann er bereits zu alt ist. Dabei helfen die Verbraucherschutztafeln der DGfM. Michaela hat für die Kaffeepause eine besondere Pilz-Süßigkeit vorbereitet: süßes Gebäck, bei dem Hefepilze eine wichtige Rolle spielen! Außerdem probieren wir Pilzbutter aus braunen Zucht-Champignons. Mit dem Stereomikroskop betrachten wir verschiedene Arten und ihre Merkmale ganz genau. Dazu gehören beispielsweise die Lamellen der Grünblättrigen Schwefelköpfe und das Myzel – also der eigentliche, meist verborgene Lebewesen Pilz – auf einem Stück Rinde. Frank demonstriert uns außerdem, wie sich ein Rotrandiger Baumschwamm mithilfe eines Feuerzeugs von einem Zunderschwamm unterscheiden lässt. Wir haben beide Arten gefunden und können uns auch die daraus gefertigten Produkte rumänischer Handwerkskunst anschauen, die wir von Peter Karasch bekommen haben.


Am Sonntag beginnen wir mit etwas Theorie und probieren den Rätselpfad für die Pilzbestimmung aus. Unsere Ausstellung haben wir grob systematisch sortiert und dafür die Begriffkarten von Barbara und Volker verwendet. Die Einteilung orientiert sich an der Fruchtschicht, also dem Ort, an dem die Sporen gebildet werden. Neben den zahlreichen Lamellenpilzen, die wir gefunden haben, gehören dazu beispielsweise Röhrenpilze, Bauchpilze, Schichtpilze und Porlinge. Wir betrachten die Sporenabdrücke der Arten, die wir zum Aussporen ausgelegt haben. Die Farbe der Sporen spielt insbesondere bei der systematischen Zuordnung von Lamellenpilzen eine wichtige Rolle. Anhand eines Luftballons veranschaulichen wir am Beispiel des Fliegenpilzes, wie die Gesamthülle, die den jungen Fruchtkörper zunächst vollständig umgibt, später aufreißt und als Flocken auf dem Hut zurückbleibt. Natürlich kommt auch der Genuss nicht zu kurz: Wir verkosten einen besonderen Vitalpilz-Kakao mit Löwenmähne, auch Igel-Stachelbart genannt, sowie Tee aus Chaga. Dieser Pilz heißt auch Schiefer Schillerporling.





Anschließend geht es noch einmal zu Fuß in dasselbe Waldgebiet. Diesmal können wir ohne Regen bis hinunter zum Bach gehen und den abwechslungsreichen Mischwald erkunden. Dabei entdecken wir weitere Arten, darunter auch Färbepilze wie den Samtfuß-Krempling. Färben lässt sich am besten Seide und Wolle, die vorher mit Kaltbeize behandelt wird – die Beize gibt es im Myko-Service. Die Korallenpilze testen wir mit Kalilauge (KOH). Während sich die eher im Laubwald verbreitete Steife Koralle braun verfärbt, zeigt die ähnliche Flattrige Koralle, die vor allem im Nadelwald zu finden ist, keine entsprechende Verfärbung. Wir finden auch noch viele weitere spannende Pilzarten, die bei iNaturalist eingetragen sind. An beiden Tagen zusammen haben wir 99 Arten bestimmen können.





Auf dem Rückweg fallen uns in der Wiese Hexenringe auf – mit und ohne Fruchtkörper. Da die Pilze dort, wo das Myzel gerade besonders aktiv am Werken ist, das Gras besser mit Nährstoffen versorgt, können wir an der dunkleren Grasfärbung ihre Ausdehnung auch aus der Ferne erkennen.

Lust auf mehr Pilzwissen:
Bei der NABU/naturgucker-Akademie findet ihr von uns eine kostenlose Online-Fortbildung rund um Pilze. Als umfangreiches Buch über Vitalpilze empfehlen wir das Buch „Heilende Pilze“ von Jürgen Guthmann. Zur Mykorrhiza empfehlen wir „Die Weisheit der Wälder“, zur Waldwirtschaft „Der Holzweg“ und zu Pilzen allgemein ‚Das geheimnisvolle Leben der Pilze: Die faszinierenden Wunder einer verborgenen Welt‚ No fungi no future: Wie Pilze die Welt retten können‚ sowie das Buch von Merlin Sheldrake ‚Verwobenes Leben‘.Shirts und Produkte, wie wir sie getragen haben, findet ihr hier. In diesem Video erkläre ich außerdem, wie sich die Motive an die eigenen Bedürfnisse anpassen lassen. Die Motive zum Download gibt es hier.
Fazit: Vielen Dank an Michaela für die gute Organisation, den leckeren Tee und das Gebäck! Und natürlich auch an alle Teilnehmenden für ihre Begeisterung für die Natur und diese oft übersehenen Fadenwesen. Wir freuen uns schon jetzt darauf, im Sommer nächsten Jahres wiederzukommen um gemeinsam Doldenblütler zu bestimmen.




