Pilze suchen, entdecken und verstehen:  eine Woche im Bayerischen Wald – 25. bis 29. August 2026

Dieses Jahr heißt es bei den Praxistagen der NABU/naturgucker-Akademie tatsächlich: Augen auf und suchen! Die Pilzfruchtkörper zeigen sich deutlich zurückhaltender als gewohnt. Der Grund dafür liegt in den klimatischen Bedingungen der vergangenen Wochen. So trocken und heiß wie in diesem Jahr ist es hier nach Aussage Ortskundiger seit 25 Jahren nicht mehr. Zwar bringt der Regen der vergangenen Woche neue Hoffnung, doch die spannende Frage bleibt: Was lässt sich unter diesen Bedingungen im Wald entdecken?

Eine interessante Möglichkeit, die klimatischen und geologischen Voraussetzungen eines Gebietes einzuschätzen, bietet die von Michael Joest entwickelte App. Tatsächlich fällt unsere Pilzausbeute zunächst eher überschaubar aus. Doch gerade darin liegt auch ein Vorteil: Jeder einzelne Fund bekommt die Aufmerksamkeit, die er verdient. Wir können die Pilze in aller Ruhe betrachten, bestimmen, miteinander vergleichen und systematisch einordnen.

Gemeinsam auf Pilzsuche

Unsere Woche im wunderschönen Bayerischen Wald verbringen wir mit Menschen, die genauso viel Freude an Pilzen und an der Natur haben wie wir. Schon am Dienstag starten wir zu einer gemütlichen Wanderung direkt vom Hotel aus. Dabei begegnen wir unter anderem dem Flachen Lackporling, der auch als „Designer’s Mushroom“ bekannt ist. Seine weiche, helle Porenschicht auf der Unterseite lädt geradezu dazu ein, kreativ zu werden: Mit einem spitzen Gegenstand lassen sich darauf kleine Kunstwerke zeichnen. Auch Rotrandige Baumschwämme entdecken wir. Neben ihrem typischen Geruch lässt sich diese Art an einer besonderen Reaktion ihrer Kruste erkennen: Hält man eine Flamme an die Oberfläche, beginnt sie zu „schmelzen“ und bildet kleine Blasen. Daneben finden wir verschiedene Altersstadien des Kiefern-Braunporlings, einem wunderbaren Färbepilz, und weitere interessante Arten. Unsere Beobachtungen und Fotos dokumentieren wir beim NABU/naturgucker.

Am Abend geht es noch einmal ins Detail. Einige unserer Funde betrachten wir unter dem Stereomikroskop und beschäftigen uns mit den Möglichkeiten der systematischen Bestimmung und Zuordnung. Dabei helfen uns neben der Fachliteratur auch unser Poster sowie die „Pilzräder“ von Thomas Læssøe & Jens H. Petersen. Da die Sporenpulverfarbe für die Zuordnung wichtig ist, legen wir einige unserer Fundstücke zum Aussporen aus. 

Mittwoch: Unterwegs in einem alten Bauernwald

Am Mittwoch führt uns unsere Exkursion in das Gebiet „Einberg“ bei Rosenau. Hier erwartet uns ein alter Bauernwald mit einem abwechslungsreichen Mischbestand aus Buche, Fichte, Kiefer und Tanne. Ein idyllischer Bach zieht sich durch das Gebiet und sorgt für eine ganz besondere Atmosphäre. Gleich zu Beginn finden wir einen überwallten Stumpf, der diese Stoffwechselleistung nur durch das unterirdische „Wood-Wide-Web“ vollbringen kann. Im Vergleich zum Vorjahr zeigt sich die Artenvielfalt allerdings deutlich geringer. Einige der für diesen Lebensraum typischen Kork- und Duftstachelinge fehlen in diesem Jahr. Trotzdem gibt es viel zu entdecken: Wir finden unter anderem eine Breitblättrige Glucke, einen Brätling und Trompetenpfifferlinge. Insgesamt kommen an diesem Tag rund 35 verschiedene Pilzarten zusammen, die online nachzulesen sind.

Am Abend wird es kulinarisch: Beate serviert uns den Brätling als Kostprobe. Natürlich nutzen wir die Gelegenheit auch wieder für die Beschäftigung mit unseren Funden. Unter dem Stereomikroskop lassen sich interessante Details erkennen, die bei der Bestimmung helfen. Auch das Gewölle einer Schleiereule wird betrachtet und die verspeiste Schermaus identifiziert.

Donnerstag: Vom toten Baum zum neuen Leben

Am Donnerstag geht es zum Fuchsriegel, einem Waldgebiet mit altem Baumbestand. Hier lässt sich besonders eindrucksvoll beobachten, welche wichtige Rolle Pilze im Kreislauf des Waldes spielen. Wo mächtige Bäume sterben und langsam zerfallen, arbeiten Pilze unermüdlich daran, das Holz abzubauen und wieder in Humus zu verwandeln. Und wer genauer hinschaut, erkennt schnell: Ein toter Baum ist keineswegs tot. Dieser Lebensraum steckt voller Leben. Dank Felix Riegel bekommen wir auch einen Kleinkopf-Flachkäfer zu sehen – ein Urwaldrelikt der als Indikator für naturnahe Wälder mit langer Habitatkontinuität gilt. Er fand sich direkt neben einem Stamm mit Rosenroten Baumschwämmen, die ebenfalls selten sind. Auch der Zunderschwamm passt hier wunderbar ins Bild. Der mehrjährige Porling begleitet die Menschen schon seit Jahrhunderten. Aus ihm lassen sich unter anderem Zunder und Funkenfänger herstellen, früher wurde das Material sogar als Handwerkskunst verarbeitet. Unsere Beobachtungen und Fotos landen natürlich ebenfalls wieder beim NABU/naturgucker.

Freitag: Unterwegs in der Steinklamm

Am Freitag steht die Steinklamm bei Spiegelau auf unserem Programm. Zunächst genießen wir die Landschaft entlang der Großen Ohe. Danach richtet sich unser Blick wieder verstärkt auf die kleinen und großen Besonderheiten am Wegesrand. Wir entdecken unter anderem einen Semmelporling und gleich drei verschiedene Täublinge. Besonders spannend wird es bei den Grünblättrigen Schwefelköpfen: Unter UV-Licht zeigen ihre Lamellen eine auffällige Fluoreszenz.

Mit dem Flachbärlapp finden wir eine botanische Besonderheit wieder, die wir bereits im Vorjahr an derselben Stelle entdeckt haben. Es ist eine seltene Sporenpflanze, die auf der Roten Liste in der Kategorie RL 2 geführt wird.

Am Abend widmen wir uns wieder der Nacharbeit. Die gefundenen Arten werden sortiert und mithilfe von Bestimmungskarten eingeordnet. Anschließend überprüfen wir einzelne Funde auch noch einmal mit chemischen Reagenzien. Dabei vergleichen wir auch die unterschiedliche Färbung, die das Fleisch des Harten Zinnobertäublings mit flüssigem und kristallförmigem Eisensulfat zeigt. Einige Porlinge testen wir mit Lauge. 

Zum Abschluss: Kleine Schönheiten ganz groß

Zum Abschluss unserer gemeinsamen Woche besuchen wir noch einmal das Waldgebiet bei Spiegelau. Schon zu Beginn stoßen wir auf zerfließende Tintlinge, die vermutlich nach dem nächtlichen Regen auf einem alten Heuballen erscheinen. Um sicher zu bestimmen, um welche Art es sich hierbei handelt, waren wir leider etwas spät. Es gibt keine Fruchtkörper mehr mit geschlossenem Velum (Flocken bzw. Hülle auf dem Hut) – schön sind sie allemal.

Aber auch abseits der auffälligen Pilze gibt es viel zu entdecken. Wir finden zauberhafte Flechten – faszinierende Lebensgemeinschaften, die zeigen, wie erfolgreich Zusammenarbeit in der Natur sein kann. Pilz, Alge und Bakterien bilden gemeinsam einen Organismus, der Lebensräume besiedeln kann, die ihnen allein kaum zugänglich wären.

Mit inzwischen deutlich geschärftem Blick entdecken wir auch winzige Schönheiten wie die Roßhaar- und den Halsband-Schwindlinge. Eine besondere Entdeckung knüpft an unsere Beobachtungen am Fuchsriegel an. Dort bewundern wir bereits die auffälligen „Hexenringe“, die der  Moosige Fingerhut im Schlafmoos durch sein Wachstum hinterlässt – nun finden wir auch die dazugehörigen winzigen Fruchtkörper. Natürlich dokumentieren wir auch diese Beobachtungen wieder beim NABU/naturgucker.

Noch mehr Natur entdecken

Wer nach dieser Woche Lust bekommt, noch tiefer in die faszinierende Welt der Pilze einzutauchen, findet bei der NABU-/naturgucker-Akademie eine kostenlose Online-Fortbildung zum Thema Pilze. Auch unsere botanischen Kurse sind online verfügbar. Meine (Ritas) gezeichneten Motiven auf Shirts und weiteren Produkte gibt es hier sowie auf unserer Seite zum Download. In diesem kurzen und auf andere Art in diesem Video  zeige ich, wie sich die Motive an eigene Wünsche anpassen lassen.

Fazit

Auch wenn sich die Pilze in diesem Jahr vielerorts rar machen, erleben wir eine Woche voller besonderer Begegnungen und Entdeckungen. Gerade die wenigen Funde geben uns die Möglichkeit, genauer hinzusehen, Details zu erforschen und uns intensiv mit den einzelnen Arten auseinanderzusetzen.

Es geht dabei längst nicht nur um möglichst viele Pilze im Korb. Es geht um das genaue Beobachten, um Zusammenhänge, um Wissen und vor allem um die Freude daran, gemeinsam draußen unterwegs zu sein.

Herzlichen Dank an alle Teilnehmenden für diese schöne gemeinsame Zeit! Und allen Pilzfreundinnen und Pilzfreunden wünschen wir weiterhin neugierige Augen, spannende Funde und eine erlebnisreiche Herbstzeit.

Rita & Frank
Rita & Frank

Hallo, mein Name ist Rita,

seit meiner Kindheit bin ich gerne in der Natur unterwegs und mache dort unzählige kleine und große Entdeckungen. Die Faszination dieser unerschöpflichen Quelle von bunten Formen, spannenden Beobachtungen und leckeren Pflanzen und Pilzen treibt mich auch heute noch an. Das Biologie-Studium und meine anschließende Promotion mit Schwerpunkt Botanik hat mir einiges an Fachwissen gebracht, doch mich auch nahezu das Staunen und die Ehrfurcht und Demut vor der Schöpfung vergessen lassen – all dies und noch viel mehr habe ich wieder gefunden. Bei verschiedenen Bildungseinrichtungen biete ich Seminare zu Pflanzen und Pilzen an – inzwischen meist zusammen mit meinem Mann Frank. Außerdem male und fotografiere ich gerne was mich selber begeistert und baue dies in unsere Lehrmaterialien und Bücher ein, die ich zusammen mit Frank verfasse und gestalte.

Hallo, mein Name ist Frank,

Vögel haben mich bereits sehr jung fasziniert und seit meiner Jugend begeistere ich mich für Outdoor- und Survival-Aktivitäten, sei es mit dem Kanu in Kanada oder auf verschiedenen Wegen in Skandinavien. Als Zahntechniker ist dies auch ein guter Ausgleich zu meiner ansonsten eher „indoor“ stattfindenden Arbeit. Seit den nun fast 30 Jahren, die Rita und ich gemeinsam in der Natur unterwegs sind, habe ich einiges an Pflanzen- und Pilzkenntnissen hinzu gewonnen. Mein Part in unseren gemeinsamen Seminaren ist es, aufzupassen, dass es nicht zu „akademisch“ wird – und immer wieder allgemeine Fragen zu stellen und „die Bodenhaftung“ zu behalten. So ist aus unseren gemeinsamen Entdeckungen zum Beispiel die Ausbildung zum PilzCoach entstanden.

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